Der wahre Wert

Als ich kurz nach der Veröffentlichung des Bilderbuches «Caramel», dessen Autorin und Herausgeberin ich bin, mutig in die Kinderbuchabteilung einer grossen Buchhandlung in der Stadt Bern ging und eine Mitarbeiterin fragte, ob ich die Verantwortliche für die Kinderbücher sprechen könne, sagte diese, meinem Empfinden nach schroff und ungeduldig: «Die steht vor Ihnen.» Ich liess mich nicht entmutigen, so sehr war ich von der Magie meines erst kürzlich geschlüpften Buches überzeugt. Ich zog ein Exemplar aus der Tasche, zeigte es ihr und bat sie, es anzuschauen und zu prüfen, ob sie das Buch vielleicht in ihr Sortiment aufnehmen wolle. Sie warf einen kurzen Blick darauf und sagte zu meinem Erstaunen, dass sie schon von diesem Buch gehört habe. Das war doch ganz wunderbar, dass sie so kurz nach dem Erscheinen schon davon gehört hatte, dachte ich, doch ihre Körpersprache und auch ihre Stimme verhiessen nichts Gutes. Ohne das Buch eines weiteren Blickes zu würdigen, sagte sie bestimmt: «Ich werde dieses Buch nicht in unser Sortiment aufnehmen.» Erschüttert von dieser direkten Absage fragte ich sie nach dem Grund, und sie antwortete: «Weil ich nicht weiss, wem ich es empfehlen würde.» Das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Wie konnte es sein, dass eine Expertin wie sie das Buch als so unbedeutend einschätzte, dass sie sich niemanden, also wirklich n i e m a n d e n, vorstellen konnte, dem sie das Buch empfehlen würde? Ich bedankte mich, äusserlich Ruhe bewahrend und innerlich aufsteigende Tränen unterdrückend, und verliess die mir so heilige Welt der Bücher für einmal tief enttäuscht. Diese Frau war eine Fachperson, ratterte es in meinem Kopf, müsste nicht genau sie die Besonderheit dieses Buches mit Leichtigkeit erkennen und seinen Wert intuitiv erahnen können? Ich dachte an all die Menschen, die das Buch über mein Crowdfunding bereits gekauft und unterstützt und damit den Druck überhaupt möglich gemacht hatten. Waren sie jetzt etwa alle enttäuscht? War es ein schlechtes Buch? So schlecht, dass man es niemandem empfehlen konnte?

Als ich noch leicht benommen und ohne Ziel unter den Lauben in irgendeine Richtung lief, trat aus meinen inneren Tiefen plötzlich die Erinnerung an eine Geschichte in mein Bewusstsein, die ich vor ein paar Jahren gelesen hatte. Eine Geschichte von Jorge Bucay aus seinem Buch «Komm, ich erzähl dir eine Geschichte». Sie heisst «Der wahre Wert des Rings». Aus Respekt vor dem Autor und der mir immer noch heiligen Welt der Bücher gebe ich sie hier nicht wieder, sondern spreche lediglich die wärmste Empfehlung aus, das Büchlein, das auch als literarische Apotheke für Lebensfragen gesehen werden kann, zu kaufen. Die Geschichte handelt davon, dass nicht jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, den wahren Wert eines Menschen oder eines Objekts zu erkennen, und man gut daran tut, sich an jenen zu orientieren, die den Wert erkennen können.

Wieder Teil der Welt ging ich weiter, entschlossen, jene Menschen zu finden, die den Wert meines so wunderbar illustrierten Bilderbuches erkennen und schätzen. Und ich habe viele gefunden! Oder das Buch hat sie gefunden. Die Geschichte von Caramel hat sie bewegt und inspiriert. Manche haben mir geschrieben und sich bedankt. Andere, zum Beispiel das Museum für Kommunikation oder auch Privatpersonen, bestellen es ohne viele Worte immer wieder.

Ich habe es also selbst erlebt: Nicht jede und jeder, nicht einmal jede Expertin und jeder Experte, kann den wahren Wert von dir oder eines von dir (mit)geschaffenen Werkes gleich erkennen. Aber wenn es einen Wert hat, werden dein Strahlen und die weise Seele des Werkes die Welt auf ihre ganz eigene Weise erobern. So ist es auch bei Caramel. Immer wieder reist sie zu Menschen, die das Besondere an ihrer Geschichte, die Art, wie diese erzählt ist, und vor allem auch die Bilder dazu, die meine Mutter, die Künstlerin Gisella Sutter, erschaffen hat, mit Leichtigkeit erkennen.

Ich danke allen, die das Buch irgendwo auf seiner Reise unterstützt haben, die es immer noch begleiten, weiterempfehlen, ihren Kindern vorlesen, im Kindergarten oder in der Schule damit arbeiten, im Museumsshop ausstellen und auf diese Weise all jenen, die seinen wahren Wert erkennen können, zugänglich machen.

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